"Was brauchen wir einen Befehl, wenn es gegen die Juden geht?"
Das Pogrom von Gunzenhausen 1934
Hefte zur Regionalgeschichte - Heft 4
Heike Tagsold (Hg.)
61 Seiten, 3 Abb. schw.-w., 22 x 14 cm, Broschüre, 2006, ISBN 978-3-938286-04-3,
5,80 EUR [D]
Das Gunzenhausener "Palmsonntagspogrom" vom 25. März 1934
wird von dem renommierten britischen Historiker Ian Kershaw zu Recht als der "schlimmste
Auswuchs von Judenhass vor der
'Reichskristallnacht' in Bayern" bezeichnet. Es sorgte für weltweite Schlagzeilen;
so berichteten damals u. a. die
New York Times und der Manchester Guardian über die Ausschreitungen
in Gunzenhausen. Angeführt von der örtlichen SA drang damals der Mob gewaltsam
in jüdische Wohnungen ein und verschleppte etwa dreißig Männer und Frauen
in das Gefängnis. Hierbei wurden viele der in "Schutzhaft" Genommenen misshandelt;
zwei Juden, Max Rosenau und Jakob Rosenfelder, kamen hierbei zu Tode. An diesem Pogrom
soll sich bis zu einem Drittel der Gunzenhausener Bevölkerung beteiligt haben.
Die Auswertungen von erst kürzlich aufgefundenen Polizei- und Gerichtsakten
lassen einen genaueren Blick auf die Ereignisse des Jahres 1934 zu, als dies bisher
der Fall war.
In einem Projekt des Nürnberger
Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit
Schülern des Ansbacher Platen-Gymnasiums wurden systematisch Aussagen der Opfer,
Täter, neutraler Zeugen sowie der Umgang der Justiz mit den Vorfällen analysiert.
Gunnar Beutner, einer der Ansbacher Schüler, schrieb seine Facharbeit in Geschichte
über die traurigen Geschehnisse in der Altmühlstadt.
Dieser Text steht im Mittelpunkt der Publikation. Daneben veröffentlichen Mitarbeiter
des Nürnberger Instituts Ihre neuesten Forschungsergebnisse: Brisant ist die
Untersuchung von Peter Zinke zu den Todesumständen von Max Rosenau und Jakob
Rosenfelder, die in
Zusammenarbeit mit dem Leiter der Nürnberger Gerichtsmedizin, Dr. Armin
Steinkirchner, durchgeführt wurde. Denn nun scheint die Frage, ob Mord oder Suizid,
recht
eindeutig beantwortet. Die Herausgeberin Heike Tagsold ordnet den Mord an dem
jüdischen Wirt Simon Strauß im Juli 1934 in den Kontext des reichsweiten
Machtverfalls der SA ein. Der Gunzenhausener Stadtarchivar Werner Mühlhäußer
rundet die Publikation mit einer Beschreibung seiner Archivbestände und einem Abriss
über die bisherige
Auseinandersetzung der Stadt mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ab.
Das Heft wurde im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung erstellt.