nurinst 2016

Titelbild des Buches nurinst 2016Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte
Schwerpunktthema: Kinder

Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts

Jim G. Tobias / Nicola Schlichting (Hg.)

186 Seiten, 17 Abb. schw.-w.,
22 x 14 cm, Pb.
ISBN 978-3-938286-49-4
14,00 EUR [D]

Auszüge aus dem Buch

Einleitung     Inhaltsverzeichnis

Der Themenschwerpunkt „Kinder“ beleuchtet in besonderer Weise das Schicksal von Jungen und Mädchen, ihre Erziehung und Versorgung sowie ihre gesellschaftliche Stellung in historischer Sicht. Kindern wurden und werden, je nachdem in welchem Teil der Welt sie aufwachsen und welches Geschlecht sie haben, unterschiedliche Rollen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft oder Kultur zugewiesen. Trotz UN-Kinderrechtskonvention und Hilfsorganisationen, die sich speziell um deren Fürsorge kümmern, zählen Kinder fast überall auf der Welt zu den schwächsten und oft rechtlosesten Mitgliedern der Gesellschaft.

Vor allem gilt das für die Zeit des Nationalsozialismus: Ausgegrenzt und verfolgt verstanden die als „rassisch minderwertig“ abgestempelten Kinder wenig von dem, was um sie herum und mit ihnen passierte. Da sie nicht als Zwangsarbeiter eingesetzt werden konnten, hatten vor allem die Kleinsten kaum eine Chance, die Konzentrationslager und Ghettos zu überleben. Wohlfahrtsorganisationen bemühten sich zwar, Kindern und Jugendlichen die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen, doch die Anzahl derjenigen, die den deutschen Mördern und ihren Helfern entkommen konnten, ist angesichts der hohen Opferzahl verschwindend gering. Allein etwa eineinhalb Millionen jüdische Kinder wurden ermordet. Und sie waren bei Weitem nicht die Einzigen: Sinti- und Romakinder, die ebenfalls als „artfremd“ galten, sowie geistig oder körperlich behinderte Mädchen und Jungen, die als „lebensunwert“ eingestuft wurden, verschwanden zum Teil spurlos oder wurden in Einrichtungen, die vermeintliche Hilfe versprachen, gnadenlos getötet.
„Heimatlos, abgemagert, vernarbt, ängstlich, beraubt, verbittert, Zeugen von schrecklichen Dingen – das waren die Kinder des befreiten Europas.“ Daher war nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Krieges sowohl ihre physische wie auch psychische Versorgung besonders wichtig. Verschiedene nationale und internationale Hilfsorganisationen, die Militärregierungen und auch die Überlebenden selbst engagierten sich in vielfältiger Weise, um die Kinder körperlich und seelisch aufzurichten.
Für die jüdischen Überlebenden nahm besonders die Erziehung und Bildung der wenigen geretteten Kinder und Jugendlichen einen hohen Stellenwert innerhalb ihrer Gemeinschaft ein, auch wenn die Betreuer, selbst nur knapp dem Tod entkommen, mit eigenen psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Die Erwachsenen betrachteten die Kinder als ein „lebendes Denkmal“ der vernichteten jüdischen Welt und als Trost „für die brennenden Wunden des Herzens, die einzige Rache für die Leiden der Vergangenheit, der große Schatz des armen Volkes“. Mit den Jungen und Mädchen verbanden die Erwachsenen viele Hoffnungen, Wünsche und Träume, getreu nach Rabbiner Joseph Kahanemans Motto: „Ein Kind ist eine Waise, wenn es keine Eltern hat, eine Nation ist eine Waise, wenn sie keine Kinder hat.“

Das achte Jahrbuch enthält folgende Beiträge:

  • Jüdische Kinder im DP-Camp Bergen-Belsen
    Von Thomas Rahe
  • „… wenn sie nach einigen Wochen zurückkehren, sehen sie viel besser aus“
    Ein Heim für jüdische Kinder in Lüneburg 1945 bis 1948
    Von Nicola Schlichting
  • „Wajt hert zich noch di zise kinderisze Gezangen“
    Die jüdischen Kinderheime Lindenfels und Schwebda Castle
    Von Jim G. Tobias
  • „Die Trennung von den Eltern ist scheinbar ihre tragischste Erfahrung“
    Ein Problem der Kinder- und Jugendfürsorge in den jüdischen Gemeinden der frühen BRD
    Von Jael Geis
  • Die „Child Search and Registration Teams“ der UNRRA
    Von Verena Buser
  • „But not a single one that tells the story of Jews as Jews“
    Jüdische Kinder als Laienschauspieler in Fred Zinnemanns Film The Search (1948)
    Von Imme Klages
  • „Notre si chère petite fille“ – „Unser so sehr geliebtes Töchterchen“
    Erinnerung und Weitergabe in der jüdischen Familie eines französischen Kriegsgefangenen
    Von Janine Doerry
  • Die Suche nach Dieter
    Zur Geschichte der „Kinderfachabteilung“ der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg
    Von Carola S. Rudnick
  • Das „unschuldige Kind“ in der Ritualmordlegende
    Zur vielgestaltigen Kontinuität eines antijüdischen Motivs in Franken
    Von Nicole Grom
  • Stiefkinder der Forschung: Das Rothschild’sche Kinderhospital in Frankfurt am Main (1886–1941)
    Von Birgit Seemann
  • Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben
    Das Museum in der Synagoge
    Von Benigna Schönhagen

Pressestimmen (Auszüge)

Das Jahrbuch zu diesem besonders sensiblen Thema enthält wertvolle und gut lesbare Beiträge, die auch dem breiten Publikum sehr zu empfehlen sind. Erneut positioniert sich das Nürnberger Institut mit dieser Publikation als eine der führenden Institutionen im Bereich der Forschung zu Schoa-Überlebenden in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland.
Andrea Livnat / HaGalil / 20.09.2016 weiter zum Artikel Logo von haGalil.com

„Die einzelnen und detailliert recherchierten Fachbeiträge des Jahrbuches spiegeln die gesamte Bandbreite der Nachwirkungen der erlittenen Gewalt für die betroffenen Kinder. Damit stellt es einmal mehr ein hervorragendes und lesenswertes Qualitätsprodukt dar.“
Dr. Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter (i. R.) des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände Nürnberg

Dem empfehlenswerten nurinst-Jahrbuch ist ein breites Leserinteresse zu wünschen – und den Herausgebern weiterhin ein langer Atem.
Siegbert Wolf / Einsicht 17 / Frühjahr 2017 Artikel herunterladen